Von Vögeln, Geiern und Anwälten

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Der Vogel als solcher – sieht man von einigen Ausnahmen ab – ruft bei uns Menschen positive Gefühle hervor. Sein Zwitschern im Morgengrauen begrüßt den neuen Tag, seine Rückkehr aus dem Süden kündet von bevorstehender Sonne und Wärme, seine Abkehr rät zum Entmotten des Wintermantels und zum Herauslegen warmer Socken. Auch in Kunst und Kultur fand und findet bis heute der Vogel seinen, zugegeben: nicht häufigen, dennoch bestens erinnerlichen Platz.

„Die Vögel“ von Alfred Hitchcock beispielsweise werden für immer und ewig eine faszinierende Bedrohung entfalten, die keine noch so gut gemachte Netflix-Serie jemals schafft. Georg Kreislers „Tauben vergiften im Park“ ist ewig jung und zeitlos richtig. Als hohe Kunst der Satire. Und auch als Ultima Ratio des geschundenen Großstädters, dem das Marodier-Kacken von durch renitente Rentner bis zur Halskrause gefütterten Tauben reichlich auf die Testikel geht.

Demgegenüber sind Geier eher im leichten, anspruchslosen, ja boulevardesken Metier zuhause. Wir erinnern uns noch ungern an die misslungene Karl-May-Adaption „Unter Geiern“ – das war zu einer Zeit, als sich der grandiose Götz George noch mit minderwertigem Zeugs die Brötchen verdienen musste. In ihrer gewollten Bonbon-Kitschigkeit unerreicht wiederum war „Die Geierwally“ von Walter Bockmayer, die insbesondere im Gay-affinen Köln für Furore sorgte. Mein Lieblingsspielplatz der Aasfresser ist aber mit Abstand das Dschungelbuch. „Keine Feier ohne Geier“ – oft kopiert, nie erreicht.

Der Anwalt als Ehrenberufler

Kommen wir nun zu einem sogenannten Ehrenberufler – dem Rechtsanwalt. Der Anwalt als solcher hat in Deutschland nicht den schlechtesten Ruf. Zumindest einen besseren als der Autoverkäufer, der Türsteher oder der katholische Priester. Doch manche Anwälte geben sich erkennbare Mühe, dass dies nicht so bleibt. Die Rede ist nicht von Feld-, Wald- und Wiesen-Advokaten, die es an jeder Ecke gibt. Sondern vom „Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht“, ohne einen konkreten Vertreter dieser Spezies namentlich zu nennen.

Diese „Fachanwälte für Bank- und Kapitalmarktrecht“ leiden schon seit Längerem, wie es scheint, arge Not. Da sich Schiffbeteiligungen, Medienfonds und Lebensversicherungsfonds mittlerweile weitestgehend überlebt haben, gibt es nur noch wenige Causae mit ausreichend Fleisch am Knochen, heißt: hohen Gegenstands- bzw. Streitwerten, die das Auftanken des Dritt-SUVs der Gattin und Freundin ermöglichen. Erst kürzlich habe ich hier darauf hingewiesen:

http://www.ex-prezz.de/Blog/anwaelte-auf-mandantenjagd/

Ein, wie ich finde, beschämendes Beispiel anwaltlicher PR und Pressearbeit im verzweifelten Bemühen um neue Mandanten kursiert derzeit im Netz. Verursacher ist eine nach eigenen Angaben auf Bank- und Kapitalmarktrecht spezialisierte Kanzlei mit Standorten in Berlin und München. Die folgenden Zitate stammen aus der Pressemeldung:

„Solvium Capitals Direktinvestments der Reihe ‚Solvium Protect‘ sollten den Anlegern beim Produkt ‚Solvium Protect 6‘ die Möglichkeit bieten, am stetig wachsenden Containermarkt zu partizipieren und attraktive Renditen zu erzielen (Zitat aus den Verkaufsunterlagen). Die Basismiete und der Rückkaufpreis zum Laufzeitende wären durch Versicherungs- und Factoringlösungen abgesichert, so Solvium.“

Alles längst erledigt

Hintergrund: Der Hamburger Anbieter von Direktinvestments Solvium Capital hatte bei früheren Produkten mit ähnlichem Namen über einen Versicherungsmakler die Zahlungen der Basismieten in der Produktreihe „Solvium Protect“ rückgedeckt. Die Allianz Versicherung bezweifelte die Rechtmäßigkeit des Vertrags. Die gerichtliche Auseinandersetzung darüber wurde mittlerweile beigelegt. Alle Anleger haben ihr Geld wie geplant erhalten.

Besagte Kanzlei mit Standorten in Berlin und München behauptet nun in ihrer Pressemitteilung, dass sie „die Entwicklung bei der Solvium Capital GmbH“ verfolge. Die Kanzlei „vertritt geschädigte Anleger“, wie es wörtlich in einer Pressemitteilung heißt. Man muss kein überdurchschnittliches Sprachverständnis haben, um daraus zu entnehmen, dass es tatsächlich „geschädigte Anleger“ gibt. Dies scheint zweifelhaft, was die Anwaltskanzlei mit Standorten in München und Berlin eigentlich hätte wissen müssen. Das Branchenmagazin Finanzwelt beispielsweise lässt Solvium Capital-Geschäftsführer André Wreth zu Wort kommen:

Der Ausgang dieses Verfahrens (Solvium Capital vs. Allianz Versicherung, Anm. hjs) betreffe keinen einzigen Kunden mehr. Die letzten Verträge, die in Verbindung mit der strittigen Police platziert worden seien, seien bereits im April 2015 ausgelaufen. Es sei nachweislich nie ein Schaden entstanden, im Gegenteil habe man immer alle Basismieten und die zusätzlichen Bonusmieten gezahlt und alle Rückzahlungen vertragsgemäß geleistet.

Nun stellt sich die Frage, wie jene Kanzlei mit Standorten in München und Berlin die beide Begriffe „Schaden“ und „geschädigt“ definiert. Etwa in dem Sinne, dass diese nicht justiziabel sind??? Wäre interessant zu wissen.

Halleluja, katholische Priester frohlocken.

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