Kauf mich, klick mich, like mich am…

von 0

Kommt ein Mann zum Arzt. „Herr Doktor, keiner beachtet mich.“

„Der Nächste, bitte!“

Ja, ja, ein uralter Kalauer mit einem – wie häufig – wahren Kern. Denn wie lässt sich die weitgehende Nichtbeachtung durch Andere zumindest in Voyeurismus, wenn nicht gar in Wertschätzung wandeln?

Die Mechanismen sind ziemlich alt und bestens erprobt. Sie erleben in unseren post- respektive alternativ- faktischen Zeiten ihre Renaissance, wie es scheint. Das war schon immer so, ist auch heute so und wird künftig ebenfalls so sein. Einige Beispiele von unzähligen, die ich nicht ganz willkürlich ausgewählt habe.

„Wir haben abgetrieben“ titelte der Stern, falls Wikipedia Recht hat, am 6. Juni 1971. Nicht weniger als 374 prominente, halb-prominente und nicht-prominente Frauen behaupteten via Zeitschrift, sie hätten abgetrieben. Durch diese öffentliche Zurschaustellung eines damals ungesetzlichen Verhaltens gelang der Hamburger Illustrierten Mehrfaches zugleich:

Ein gleichermaßen brisantes und gesellschaftspolitisch wichtiges Thema wurde Illustrierten-typisch und mit boulevardeskem Einschlag aufgegriffen und verarbeitet. Es gab noch den § 218, der Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellte. Nicht zuletzt dem Stern und seinem damals sehr mutigen Titel ist es zu verdanken, dass es besagten Paragrafen heute nicht mehr gibt und Frauen deshalb ein mehr selbstbestimmtes Leben führen können. Sieht man einmal von den vorherrschenden Gepflogenheiten in einzelnen vorzugsweise süddeutschen Landstrichen ab…

Zugleich hatte die gezielte Provokation einen erfreulichen, präzise kalkulierten Nebeneffekt. Die Auflage der Hamburger Illustrierten stieg spürbar. Nicht unwichtig für Anzeigenkunden und Anzeigenpreise. Und durchaus auch relevant beim schon damals tobenden Kampf um Marktanteile gegen den Uralt-Konkurrenten Der Spiegel. Die einen kauften und lasen nicht nur diese Stern-Ausgabe und wohl auch die darauf folgenden, weil die Geschichte länger nachhallte, um – wahlweise – zuzustimmen oder mit Schaum vor dem Mund zu kritisieren. Die anderen kauften und lasen aus purem Voyeurismus, erwartungsvoll sabbernd, welche Promis es denn nun waren, die behaupteten, abgetrieben zu haben. Egal aus welchem Grund, mit welcher (gesellschafts)politischen Überzeugung: kauf mich, Auflage hoch.

Ein weiteres Beispiel aus der eher jüngeren Vergangenheit. Da berichtete die Presse über die angeblich üblichen Vertriebsanreize eines großen deutschen Versicherers. Da sei es um nackte Tatsachen, osteuropäisches Frischfleisch in einem vor Lust und Hitze dampfenden Ambiente gegangen, wussten die Journalisten zu berichten. Die längst verblichene Financial Times Deutschland, wohl die witzigste und intelligenteste Wirtschaftszeitung überhaupt, überschrieb ihren Bericht mit: „Coito ERGO sum“.

Eine unerwartete Titelzeile für eine per se der Sachlichkeit und Nüchternheit verpflichteten Wirtschaftszeitung. Und deshalb ein Genuss für Altphilologen, die noch nicht so viel mit Bits und Bytes am Hut haben. Weiß doch der frühere Abiturient mit Großem Quäl-Latinum die Anspielung zu deuten. Es lebe der auch kleinste Unterschied. „Cogito ergo sum“ – ich denke, also bin ich – gilt als der fundamentale Grundsatz des Philosophen René Descartes. Wohl selten zuvor hatte eine winzige Variation so sehr gepasst.

Der FTD und ihrer Auflage kam´s wohl zugute. Die Überschrift bediente aufs Beste jenen Voyeurismus, der auch dem Bildungsbürgertum nicht fremd war und fremd ist – trotz Großen Latinums.

Ein drittes Beispiel, das im Gegensatz zu seinen Vorgängern die Mindesthaltbarkeit noch nicht hinter sich hat. Da geht es um das Werbefoto einer großen Allianz-Agentur in Berlin. Darauf zu sehen genau in der Mitte der Agenturchef, links und rechts von ihm jeweils vier aparte Damen. Dieses Bild wurde, so der Verdacht, von wem auch immer an eine honorige sowie „ausgezeichnete“ Frauenrechtlerin und Journalistin weitergeleitet. Sie attestierte, wenig verwunderlich, Sexismus, mindestens, machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube und tat ihren Abscheu in den sozialen Medien kund. Sicher, Sexismus kann man hier unterstellen, muss man aber nicht. Er liegt, wie auch die Schönheit, bisweilen im Auge des Betrachters. Und es kann durchaus sein, dass die Mitarbeiterinnen des Agenturchefs das anders sehen. Eben nicht sexistisch, sondern als charmante Visitenkarte des eigenen Unternehmens. Dies mögen andere entscheiden.

Doch darum geht es mir nicht. Der aus ihrer Sicht berechtigte #aufschrei der Frauenrechtlerin und die darauf folgenden Geschehnisse zeigen exemplarisch die Mechanismen der viralen Welt. Heißt: die vielfältigen Hebel und Kniffe, um Klicks, die Währung des Internets, zu generieren.

Die Einlassungen der Frauenrechtlerin blieben dem Chef der Berliner Allianz-Agentur nicht verborgen. Möglicherweise hatte ihn jemand mit der Nase darauf gestoßen. Bei dieser Gelegenheit: Es soll durchaus schon Feuerwehrleute gegeben haben, die nebenberuflich als Brandstifter unterwegs waren, um später beim Löscheinsatz wegen heldenhaften Einsatzes gelobt zu werden.

Es entspann sich eine rechtliche Auseinandersetzung, über das ein Onlinemedium der Versicherungsbranche berichtete. Durchaus sachlich und, wie ich vermute, korrekt. Dieser Bericht wiederum wurde im Netz verbreitet, unter anderem in geschlossenen Gruppen von Versicherungsmaklern, Vermögensberatern und anderen vertriebsaffinen Communities.

Effekt: Das Onlinemedium dürfte seine Zugriffe deutlich gesteigert haben. In den sozialen Medien wurde die Causa kontrovers, teils mit Schaum vor dem Mund und mit bisweilen übelster Verunglimpfung diskutiert und gepöbelt, was das Zeug hielt. Als gäbe es nicht genug Stress und Probleme für den Versicherungsvertrieb in Deutschland.

Leider haben die Meisten, die sich via Wortmeldungen auf das Spielchen einließen, nicht erkannt, dass sie instrumentalisiert wurden. Kauf mich, klick mich…

Abschließend ein Beispiel, das auch Verbraucherschützer – oder solche, die sich dafür halten – besagte Masche durchaus virtuos beherrschen. Da gibt es ein Onlinemedium namens DieBewertung. Es wird berichtet über Finanzproduktanbieter. Etwa unter der Überschrift „Solvium Capital Portfolio GmbH & Co. KG- ‚grotten schlechte Bilanz‘…………oder nicht?“. Die Frage wabert irgendwie und irgendwo im Raum. Eine Antwort gibt es nicht. Dies ist wohl auch nicht beabsichtigt. Es reicht die Suggestion, da sei irgendetwas nicht in Ordnung.

Diese Vermutung bestärkt das kurze Textintro, bevor der Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2014 ausgebreitet wird. Dieses Intro lautet: „Zu dieser Bilanz erübrigt sich eigentlich jeglicher Kommentar, denn jeder Anleger, der diese Zahlen liest, hat doch sicherlich zukünftig ‚erhebliche Bedenken‘ bei dem Unternehmen Kapital anzulegen, und der Vertrieb muss sich in Kenntnis dieser Situation durchaus darüber Gedanken machen, ‚ob er solche wirtschaftlich nicht guten Ergebnisse nicht seinen potentiellen Kunden mitteilen muss‘? Lassen wir diese Bilanz für sich sprechen.“

Die Kunst der Suggestion, die Houdini, der Herr sei mit ihm, und auch den beiden flippigen Ehrlich Brothers zur Ehre gereichen würde. Justiziabel dürfte dies nicht sein, weil eben nur Fragen gestellt werden. Der Rest obliegt der Interpretation durch den Leser. Was dem Verfasser wohl nicht ungelegen kommt.

Er hätte auch nachfragen können beim Unternehmen selbst. Und hätte erfahren, dass Solvium für alle Gesellschaften lediglich eine Einheitsbilanz erstellt, die sowohl handelsrechtliche als auch steuerrechtliche Vorgaben berücksichtigt. Deshalb orientieren sich die Abschreibungen gemäß des herrschenden Steuerrechts nicht an den tatsächlichen Marktwertminderungen, sondern werden über eine feste Laufzeit ohne Restwert berechnet. Unter dem Strich entsprechen diese Abschreibungen nicht der wirtschaftlichen Wertminderung, so dass vergleichsweise hohe stille Reserven in der Bilanz aufgebaut werden können.

Nichts Besonderes und kein Hexenwerk, im Mittelstand üblich. Nur, welcher Anleger kann schon Bilanzen lesen? Wohl die wenigsten. Und welcher Vermittler liest und versteht Bilanzen? Sicher ein paar mehr als Anleger. Aber viele sind es wohl nicht. Der beste Nährboden für Suggestion.

Zudem erfolgen die Berichte der Containermanager überwiegend auf Cash-Basis. Sie stellen lediglich Kontobewegungen dar und zeigen nicht, welche Mietansprüche insgesamt entstanden sind. Da in der Containerschifffahrt Zahlungsziele bis 90 Tage für die Mietraten üblich sind, werden die Einnahmen systematisch niedriger ausgewiesen. Diese Punkte, kumuliert und auch allein, führen zu negativen Bilanzansätzen, die nichts über die tatsächliche wirtschaftliche Situation der Gesellschaften aussagen.

Kauf mich! Klick mich! Like mich am Arsch! (Deichkind aus dem Album „Niveau Weshalb Warum“)

0 Comments

    Diesen Beitrag kommentieren

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


    Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.