Falsche Freunde?

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Bisweilen sind wir Menschen eine ziemlich seltsame Spezies und eine erstaunlich dumme obendrein. Problemlos nachweisbar an Millionen von Einzelfällen, für die Carmen und Robert Geiss zunehmend und leider stil- und verhaltensprägend sind. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Wenden wir uns also ab von der Belustigung jener leider Millionen Menschen in prekären Lebensverhältnissen und mit nicht minder prekärem Sachverstand und drehen uns hin zur Stütze der Gesellschaft. Dem Mittelstand mit auskömmlicher Sozialisierung und Bildung, der sich die Geissens in Deutsch synchronisierter Fassung anschaut.

Jener Mittelstands-Musterknabe, nennen wir ihn Marc Hinrich Lehmann, hält sich für weltoffen und tolerant, informiert und kritisch. Er lässt sich kein X für ein U vormachen, hinterfragt alles und jeden und nervt mit dieser Attitüde zunehmend Familie und Freunde. Marc H. Lehmann, wie er sich selbst nennt, ist grundsätzlich zumindest skeptisch. Weshalb er die vermeintlich Ahnungslosen, weil Gutgläubigen zutiefst verachtet. Denn jene Steindummen kaufen ohne Ausnahme das Falsche und bezahlen jedes Mal auch noch zu viel dafür.

Deshalb recherchiert Lehman, sobald er ein paar warme Socken oder einen neuen Rasierer braucht, wie verrückt. Stunde um Stunde verbringt er in der Hotline-Warteschleife einer Verbraucherzentrale, wälzt, während parallel die Geissens flimmern, Testberichte der „Stiftung“, wie er kennerisch betont, und verbringt nicht weniger Zeit im Internet auf den Seiten von Vergleichs-Portalen. Um an Ende beim neuen Rasierer 3,48 Euro einzusparen. Jenes Rasierers im Übrigen, der exakt am ersten Tag nach Ablauf der Garantie abschmiert. Shit happens, kann selbst einem Lehmann passieren.

Diese oft enervierende Akribie lässt Lehmann indes bei der Geldanlage leider, leider vermissen. Selbstverliebt, wie er ist, erliegt er fast immer den hinlänglich bekannten Marketing- und Werbe-Schmeicheleien. Das hat ihn in den vergangenen Jahren alles in allem schon mehrere zehntausend Euro gekostet. Was er aber nie zugeben würde. Shit happens, kann passieren.

Wer also schützt diesen Lehmann, von dem Einiges in jedem von uns steckt, vor falschen und deshalb verlustträchtigen Entscheidungen bei der Geldanlage?

Zum Glück gibt es gerade hier fleißige Helferlein – schwarz auf weiß gedruckt und auch im Internet. Diese Ab- und Zurater in Gelddingen schaue ich mir ab heute regelmäßig an. Und notiere, was mir auffällt, Gereimtes und Ungereimtes.

Den Beginn macht das Internet-Portal „Die Bewertung“, nach eigenen Angaben „keine Verbraucherschutzplattform“, sondern eine „Verbraucherinformationsplattform“. Die Redaktion beschäftigt sich, wie andere ebenfalls, mit den unendlichen Weiten der Finanzprodukte und des Finanzvertriebs. Und damit der Leser von weiß, dass man die Äußerungen nicht ungeprüft für bare Münzen nehmen soll, gibt’s den sachdienlichen Hinweis:

„Grundsätzlich ist unsere Bewertung als SUBJEKTIV anzusehen, auch bitte so zu verstehen. Ihre Entscheidung wollen wir unterstützen, aber nicht für Sie treffen.“

Was eine Selbstverständlichkeit für Meinungsmedien dieser Art ist. Überdies ist es ein alter Verkäufertrick, Selbstverständlichkeiten wie diese zu betonen, um Krethi und Plethi nicht gleich mit der Nase auf andere, eher essenzielle Dinge zu stoßen.

Die Redaktion weist darauf überdies hin, dass „wir selber in der Kapitalmarktbranche engagiert“ waren. Das suggeriert Insiderwissen und Glaubwürdigkeit. Konkret geht es wohl um Vertriebskoordination „im Bereich TÜV zertifizierter Immobilien“.

Die Erwähnung von Deutschlands bekanntester und bisweilen auch am meisten gefürchteter Prüfinstanz macht Eindruck und suggeriert, ein weiterer verkäuferischer Trick, man habe im früheren Vertriebsleben sauber und nur mit erstklassigen Produktangeboten gearbeitet. Der TÜV kümmerte bzw. kümmert sich übrigens um Vieles. Etwa um Brustimplantate der französischen Marke PIP, um Aufzüge, um Autoabgaswerte … Mal schauen, mit welchen verkäuferischen Tricks die selbstverständlich SUBJEKTIVEN Produktbewertungen verfasst werden …

 

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