Anwälte auf Mandantenjagd

von 0

Anwälte haben kein einfaches Leben. Es gibt einfach zu viele davon zwischen Flensburg und Füssen. Zumindest gefühlt mehr als alle McDonald´s-, Starbucks- und Subways-Filialen zusammen. Klar, dass jeder erpicht ist auf hohe Gegenstands- und Streitwerte. Dennje höher die Werte, umso fetter die Honorare). Doch darüber kann sich, wer meist nur Blechschäden nach Autounfällen kuriert, selten freuen. Deshalb spezialisieren sich viele Rechtsgelehrten mittels Fortbildung auf ein oder gleich mehrere Fachgebiet(e), um sich fortan mit dem Zusatz „Fachanwalt für…“ zu schmücken.

Sogenannte Fachanwälte für Bank- und Kapitalmarktrecht, besonders die Spezies, die sich gern als Anlegerschutzanwalt bezeichnet, konnten jahrelang aus dem Vollen schöpfen. Fünf-, bisweilen auch sechsstellige Streitwerte sorgten für saftige Gebühreneinnahmen. Mit Vorliebe verklagt wurden die Anbieter von Investment-Produkten wegen tatsächlicher oder auch nur vermeintlicher Fehler in den Verkaufsprospekten. Gern auch Banken und Sparkassen wegen fehlerhafter Anlageberatung. Meist ungeliebt als Kontrahenten sind bis heute Finanzberater, die es bei ihren Kunden mit der Wahrheit nicht so genau genommen und deshalb das Blaue vom Himmel herunter fabuliert hätten, was man ihnen gern unterstellt. Aller Erfahrung nach war und ist diese Spezies nicht besonders zahlungskräftig, um bei Niederlagen vor Gericht Schadenersatz zu leisten.

Unter dem Strich ist der Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht in neun von zehn Fällen fein raus. Gewinnt er vor Gericht oder vergleicht er sich, gibt es die kompletten oder einen Großteil der Gebühren von der meist solventen Gegenseite. Verliert er, zahlt der eigene Mandant. Beim Vergleich ist es ähnlich. Das sind Geschäfte, die Freude bereiten.

Produkte, bei denen irgendetwas schief gelaufen war, gab es in Hülle und Fülle. Schieflaufen in dem Sinne, dass Anleger mehr oder weniger große Verluste einfuhren und selbstverständlich andere dafür verantwortlich machten, nur nicht sich selbst. Oft fehlt das Bewusstsein, dass jene Investments auch Risiken bergen, die oh Wunder, selbstverständlich eintreten können, wenn auch nicht zwangsläufig eintreten müssen. Solche Produkte waren und sind vereinzelt noch immer Medienfonds, Schiffsbeteiligungen, geschlossene Immobilienfonds, Lebensversicherungsfonds und ein wenig Kleinkram, das nicht weiter der Rede wert ist. In den vergangenen Jahren lebten jene „Anlegerschutzanwälte“ fast ausschließlich von den „Fehlerhaften Widerrufsbelehrungen bei Immobilien-Darlehensverträgen“.

Doch jetzt ist der Zug abgefahren, es gibt kein Futter mehr. Die oft sogenannte Ewige Widerrufsfrist endete Mitte Juni, die prekären Fondsbeteiligungen sind praktisch vom Markt verschwunden. Da gibt’s leider nicht mehr viel zu klagen. Was nicht nur jenen Anwälten arge Kopfschmerzen bereitet, die für teure Oldtimer schwärmen. Folge: Insbesondere jene Fachanwälte für Bank- und Kapitalmarktrecht suchen nach anderen, vermeintlich lukrativen Themen. Und treffen dabei auf den VW-Abgasskandal, vulgo: „Dieselgate“. Oder aber sie zündeln selbst. Vergleichbar dem Feuerwehrmann, der nach einem verheerenden Hausbrand bei den Eigentümern in der Nachbarschaft die gebührenpflichtige Prüfung der Streichhölzer und Wegwerf-Feuerzeuge anbietet.

Genau dies ist derzeit wieder zu beobachten. Im Visier der Anwälte Direktinvestments, vorzugsweise in Container. Zwei große Anbieter von Container-Direktinvestments haben erhebliche Probleme. Was, zugegeben, speziell für einige Tausend Investoren ärgerlich ist, aber ein Segen für unsere Fachanwälte. Bei Eingabe jeder der beiden Firmennamen in die Google-Suchmaske poppen als Erstes Anzeigen von Anwaltskanzleien auf. Auf deren Internetseiten wird dann Altbekanntes referiert, aber nichts Konkretes und schon gar nicht rechtlich Relevantes. Aber bisweilen so geschickt verpackt, dass betroffene Anleger dorthin rennen, um sich Rat zu holen. Kostenlos ist meist auch hier nur die „Erstberatung“. Diese Akquise-Masche ist altbekannt und hat früher bestens funktioniert. Heute wohl eher nicht, weil die Fakten, wie es scheint, viel zu dünn sind, um eine rechtliche Handhabe gegen Produkt-Anbieter und/oder Finanzberater zu haben.

Perfide wird die Jagd nach Mandanten, hohen Streitwerten und fetten Gebühren, sobald Anwälte auf ihren Homepages oder durch Pressemitteilungen Produktanbieter ins Visier nehmen, über die nichts Negatives bekannt ist. Im Gegenteil. Nämlich Produktanbieter, die erst kürzlich kundgetan haben, dass bei ihnen soweit alles rund läuft. Zumindest eine Kanzlei schürt im Internet erhebliche Unsicherheit, besser: malt den Teufel an die Wand, bei Investoren, die über den Hamburger Anbieter Solvium Capital Container-Direktinvestments erworben hatten. Das Unternehmen hat das Pech, in der gleichen Branche tätig zu sein, wie zwei andere Firmen, die momentan Schwierigkeiten haben. Da wird anwaltlicherseits gemutmaßt und im luftleeren Raum spekuliert. Allerdings beruht die plumpe Akquise nicht auf eigenen Recherchen, sondern auf Medienquellen.

Und genau dies ist eine weitere Perfidie. Der Rechtsgelehrte stützt sich bei seiner Mandantenjagd auf eine Veröffentlichung des selbst ernannten Warn- und Berichtsorgans „fondstelegramm“. Konkret: auf einen Beitrag über Solvium Capital. In diesem Beitrag vom Februar 2016 rät der Autor ab von der Zeichnung des Container-Investments „Solvium Container Select Plus“. In einem weiteren Beitrag vom Juli 2016, der allerdings bislang noch nicht auf der Homepage der Anwaltskanzlei veröffentlicht wurde, beschäftigt sich derselbe Autor ebenfalls mit Solvium Capital und schlägt dabei auch den Bogen zu einem Wettbewerber und dessen wirtschaftliche Schwierigkeiten bzw. Insolvenz.

Zahlreiche Mutmaßungen und Behauptungen in besagtem Beitrag erweisen sich als bis dato gegenstandslos. Hätte der Autor beim Unternehmen nachgefragt oder sich dessen aktuellen Portfoliobericht sorgfältig sowie Zeile für Zeile durchgelesen, er hätte es gesehen.

Selbst wenn dies rechtlich korrekt ist, so hat es zumindest ein Geschmäckle. Und das, vielleicht unbeabsichtigte, Zusammenwirken von Fachanwälten auf der einen und Journalisten auf der anderen Seite ebenfalls.

 

Bisher keine Kommentare

Diesen Beitrag kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.